Michael Glawogger und Michael Ostrowski erklären Peter Krobath, warum man einen Film über Hendlzucht nicht ohne Hendl machen kann, wieso Pornografie wahrhaftig ist und weshalb sie NACKTSCHNECKEN ursprünglich sogar Gunther Philipp widmen wollten. Peter Krobath: Für mich wirkt NACKTSCHNECKEN wie ein Dogma-Film, der sämtliche Dogma-Regeln grundsätzlich missachtet. Ich meine, der Stil geht irgendwie in die Dogma-Richtung, bricht aber gleichzeitig auch in eine totale Künstlichkeit aus. Michael Glawogger: Es gibt Momente, wo unsere Figuren sehr nah an sich selbst sind, etwa die Szene, wo sie alle zusammen auf der Couch sitzen und erklären, warum sie einen Pornofilm drehen würden. Das geht vielleicht in die Richtung, die du ansprichst. Aber im Grunde habe ich nie an Dogma gedacht. Michael Ostrowski: Als ich die erste von vielen Drehbuchfassungen schrieb, hatte ich das Gefühl, diesen Film wird nie wer machen wollen. Damals wurde Dogma für mich zum Ansporn, das trotzdem zu versuchen. Ich dachte, wenn ich wirklich keinen Regisseur finde, verfilme ich das eben selber und zwar mit den reduzierten Mitteln, die Dogma vorgezeigt hat. Insofern war Dogma für mich schon wichtig, aber nur aus Gründen der Sparsamkeit, nicht als stilistische Vorgabe, das war mir eigentlich wurscht. Peter Krobath: Was hat Michael Glawogger an Michael Ostrowskis Geschichte angezogen? Michael Glawogger: Eigentlich nix. Nein, das war ganz anders: Als die Idee mehr oder weniger zufällig auf meinem Schreibtisch gelandet ist, fand ich sie vor allem lustig, und zwar nicht im kabarettistischen Sinn, sondern richtig genuin lustig. Irre irgendwie. Aber es war schwierig, das Drehbuch zu schreiben. Wir haben uns zu fünft in ein Haus zurückgezogen, um die Geschichte zu entwickeln. Wir haben Szenen durchgespielt, Dialoge ausprobiert, einfach in aller Ruhe geschaut, wie weit wir dabei gehen können. Peter Krobath: Das ist eine interessante Frage: Wie weit kann man in so einem Film gehen? Michael Glawogger: Man darf sich da natürlich nicht am Thema vorbeitschwindeln. Profan gesagt: Ich kann einen Film über Hendlzucht nicht ohne Hendl machen. Die Frage, wie weit man gehen kann, musste jeder für sich selbst beantworten. Wo es unter den Schauspielern schon Beziehungen gegeben hat, war es natürlich leichter, aber im Prinzip geht jeder mit sich und seinem Körper anders um. Für einen Regisseur ist das so, wie wenn du einen Film über Fußball machst. Da hast du auch immer das Problem, dass deine Leute entweder nicht kicken oder nicht schauspielern können. Peter Krobath: Trotzdem: Die Protagonisten in NACKTSCHNECKEN drehen einen Pornofilm. Und ein Pornofilm hat eben gewisse Ansprüche, die man einfach erfüllen muss. Michael Ostrowski: Ich weiß, was du meinst. Wir haben auch sehr schnell gemerkt, dass wir keine Pornodarsteller sind, dass manche Dinge einfach nicht gehen. Deshalb haben wir kurz sogar überlegt, für gewisse Szenen Profis zu nehmen. Trotzdem muss man sagen: Das, was wir in NACKTSCHNECKEN an expliziten Sex zeigen, ist nur ein sehr kleiner Teil des Films und sicher nicht der Kern der Geschichte. Michael Glawogger: Außerdem sieht man mehr nackte Männer als nackte Frauen. Peter Krobath: War das beabsichtigt? Michael Glawogger: Das ist so entstanden ... und ist gerade deshalb vielleicht das einzig dogmamäßige an der Geschichte. Wenn man sich lange genug in einem Haus einsperrt und schreibt und probt, dann kommen am Ende die Dinge raus, die jeder kann und will. Und danach hat sich das Drehbuch auch gerichtet. Peter Krobath: Gut, aber jetzt haben wir immer noch nicht das Genre definiert ... Michael Glawogger: Ich würde sagen, NACKTSCHNECKEN ist eine Sexklamotte. Ursprünglich wollte ich den Film deshalb sogar Gunther Philipp widmen. Eine Sexklamotte. Oder noch besser: eine Post-Hippie-Sexklamotte. Michael Ostrowski: Eine Post-Hippie-Indie-Sexklamotte! Michael Glawogger: Genau. Und zwar Post-Hippie deshalb, weil die jungen Leute, die heute wie anders angezogene Hippies sind, leben im Umfeld vom Papa, der ja irgendwie ich selber bin. Das ist ja meine Plattensammlung im Film, das sind ja meine Nummern. Insofern ist es natürlich auch ein Generationenfilm. Peter Krobath: Ist es ein Zufall, dass mich die putzigen Tiere, die bei euch an allen Ecken und Enden auftauchen, an die Kitsch-Ästethik der Fotokünstler Pierre et Gilles erinnern? Michael Glawogger: Lustig, dass du das sagst, denn etwa die Tomaten-Wichs-Szene wurde durch ein Poster von Pierre et Gilles inspiriert, dass beim Michi am Klo hängt. Auch andere Szenen sind ähnlich zufällig entstanden. Vielleicht waren es diese Elemente, die den Film trotz aller Künstlichkeit dogmaähnlich wirken lassen. Aber ich habe beim Drehen eher an Comics gedacht, besonders was die Farben des Films betrifft. Das sind klare, dicke, gelbgrüne Comicsfarben. Peter Krobath: Um noch einmal auf die Tiere zurückzukommen ... Michael Glawogger: Genau, die Tiere. Die waren sehr wichtig für den Film. Die Haserln konnte man nach Drehschluß zum Streicheln mit nach Hause nehmen. Die Rehböcke nicht. Die Eule ist uns überhaupt weggeflogen, vier Tage lang musste die Feuerwehr von der Lassnitzhöhe nach ihr suchen. Das war nett. Joschi, der Gepard, jagt im Zivilberuf Flugenten auf einem tschechischen Flughafen ... und aus dieser Geschichte heraus ist wiederum der Dialog über die indische Flugenten und die Schnecken entstanden. Peter Krobath: Waren die Tieren von Anfang an im Drehbuch? Michael Ostrowski: Eigentlich ist das aus einem Wortspiel gekommen: ”Wir sollten uns mit Alkohol gebarden.” Das ist ein mittelhochdeutscher Ausdruck, der verloren gegangen ist, also eigentlich ein Wort, das es gibt, aber gleichzeitig auch wieder nicht gibt im Sprachgebrauch. Das hat sich dann verselbstständigt, weil wenn man sich mit Alkohol ”gebarden” will, kann man sich auch mit Alkohol ”giraffen” und so ist eben dann der komische Rahmen mit den Viechern entstanden. Michael Glawogger: Es gibt überhaupt viele Verbindungen, die der Zuschauer gar nicht bemerkt. Wenn etwa einmal ein Traktor am Michi vorbeifährt, hat der Bauer genau die Skimütze am Kopf, die sie am Anfang beim Schokoladespielen verwenden. Oder der Gepard geht in den Apfelbaum, also der Gepard tut sich ”äpfeln”. Michael Ostrowski: Ein Film reich an Metaphern und Symbolen. Michael Glawogger: Aber trotzdem müsste man sofort hinschreiben: Weh dem, der Symbole sieht! Michael Ostrwoski: NACKTSCHNECKEN ist ein Film voller Symbole, der aber trotzdem nicht auf dieser Ebene funktioniert. Er bleibt irgendwie sehr an der Oberfläche, hält immer die Distanz zu den Leuten, nicht so wie in einem Melodram, wo die Geschichte direkt auf die Menschen zugeht. Mit dem Symbolen ist das ähnlich: Sie sind zwar da, aber irgendwie ist das auch egal. Man darf sich nie auskennen in diesem Film, finde ich. Man darf nie wissen, was los ist. Peter Krobath: Warum gibt es im Film, aber auch in der Literatur und in der bildenden Kunst immer mehr Grenzgänger, die mit ihrer Arbeit am Bereich der Pornografie anstoßen? Michael Ostrwoski: Als mir diese Geschichte eingefallen ist, habe ich mir zuerst gedacht: Das gibt es eigentlich nicht, dass das noch niemand gemacht hat. Mich hat es als Schauspieler immer interessiert, wie ein Pornodarsteller seinen Job macht. Weil Ficken vor der Kamera ist erstens eine menschliche Herausforderung, zweitens eine sehr starke körperliche Arbeit, und drittens muss man dabei ja auch immer eine Rolle spielen. Da vermischen sich viele Dinge, das hat mich interessiert, aber ohne jetzt die Behauptung aufzustellen, dass wir mit NACKTSCHNECKEN einen wirklichen Pornofilm drehen wollten. Michael Glawogger: Die allerersten Filmer haben etwas Dokumentarisches gezeigt, Menschen verlassen die Fabrik und solche Sachen. Aber gleich das Nächste war, Leute beim Ficken filmen. Beim Internet hat sich das besonders stark gezeigt: Ficken ist irgendwie überall. Für mich sind Pornofilme etwas sehr wahrhaftiges, in dem Sinn, dass die Darsteller das ja wirklich tun. Pornofilme, selbst wenn sie schlecht gemacht sind, haben eine nicht wegzuleugnende Authentizität, die einem den Atem raubt - und eben dieses Terrain beginnt sich der andere Film, der Nicht-Pornofilm im Moment zu erobern. Im normalen Spielfilm ist das einfach noch nicht ausgeschöpft. Aber ich denke, das wird sich etablieren und auch im normalen Film wird bald mehr gefickt werden. Das fließt jetzt so ein. Man muss nur die Scheu davor verlieren. Deshalb haben wir uns bei den Proben auch immer alle ausgezogen und ganz normale Szenen nackt gespielt. Das hat viel für den Film getan, auch wenn man es nicht immer sieht. Michael Ostrwoski: Ficktion buchstäblich - das war das Motto, das von Anfang an über dem Drehbuch gestanden ist. Ich wollte beim Schreiben einen pseudointellektuellen Dialog erreichen, der einerseits deppert ist, aber andererseits auch stimmt. Das Gleiche gilt auch für den Film: Er ist auf der einen Seite ziemlich blöd, aber auf der anderen Seite trifft er die Sachen auf den Punkt. Zurück |